Alle Beiträge von Matthias Varga

Eigenleistungen und Leistungen in Eigenregie, meist am eigenen Haus

Mir ist es ein Gräuel. Entschuldigung, aber mir brennt es auf der Seele.

Es ist tatsächlich eine Krankheit. Kollegen, die das nahende Übel ahnen, winden sich und winken dann schon mal genervt ab, wenn z.B. Verwandte, Bekannte oder Freunde um einen Ortstermin bitten, weil plötzlich etwas Seltsames in oder an den vier Wänden zu Hause oder den Geschäftsräumen vor sich geht.

Risse zum Durchgucken, Feuchtigkeit, Ausblühungen, Verfärbungen – allesamt innen oder außen. Im Dach, im Keller, im Schlafzimmer oder in der Werkstatt. Auf einmal klemmende Türen, ungängige Luken, Schimmel, Schwämme oder Pilze, Korrosion. Manchmal nur komische Gerüche oder trockene Haut, Gattinnen frösteln in der Zugluft von Steckdosen. Alles erlebt, nichts ausgedacht.

Bei der drängend angestoßenen Forschung nach Ursachen von Mängeln oder Schäden spürt man als Grund  für die ungeliebten Phänomene nicht selten die vom Auftraggeber selbst oder in seiner Regie ausgeführte Baumaßnahmen auf. Angefangen von im Baumarkt gekauften Fensterdichtungen, die (mühevoll und handwerklich durchaus geschickt selbst verarbeitet) das von der Großmutter geerbte Haus in eine Tropfsteinhöhle verwandeln, über haarsträubende Dachtragwerke aus alten Fensterrahmen bis hin zu den Erdmassen, die ohne Kenntnis der Trassenverläufe für Elektro, Wasser oder Gas mit geliehenem, selbstgeführtem Gerät bewegt werden, scheint es im Selbsterledigen kaum Grenzen zu geben. Jeder kann das, jeder baut. Dass die Beseitigungen von durch Unfachlichkeit unmerklich angerichteten Schäden ein Vielfaches der Kosten der eigentlichen Ausführung verschlingen oder eventuell sogar Gefahr für Leib und Leben droht, wird vernachlässigt. Die Unkenntnis über „Grundbrüche“ bei Bodenaushüben ermöglichen es dem Eigner, kräftig in die Hände zu spucken und frohen Mutes schnell mal „den Keller zu machen“. Nicht der Erste, der möglicherweise sein eigenes Grab schaufelt.

Aber die Aktionen auf Selbstüberschätzung, Naivität oder Unwissen zu reduzieren, greift zu kurz. Es gibt tausende Handbücher. Die Baumärkte werfen mit Flyern zu verschiedenen Do-it-yourself-Hausbaumaßnahmen um sich und die Informationsfülle im Internet ist enorm. Heute wird der Eigenleister immer seinen vermeintlich richtigen, ihm monetär und intellektuell passenden Ansatz irgendwo bestätigt finden. Auch wenn während der gewählten Ausführung deutliche Zeichen gegen die gewählte Maßnahme sprechen, gilt: Augen zu und durch. Geschafft. Kämpfernatur. Noch schnell drübergemalert. Fertig und unsichtbar gemacht. Hat man „selbstgemacht“ oder durch den selbst angeleiteten Baudienstleister (der alles kann und sicher seine Daseinsberechtigung hat) für ’nen Fuffi am Samstag „machen lassen“. Nicht selten werden zwei Jahre später die Bausachverständigen in den Gelben Seiten durchtelefoniert. (*) Bestenfalls wird danach mit der eigentlichen Sanierung begonnen und ggfs. vorhandenes Stückwerk beendet.

Das inzwischen unliebsam gewordene Gebäude kann nichts dafür. Sein Ist, eine individuelle Antwort auf Lokalität und Nutzung gilt es wieder in Einklang zu bringen.

Im Bauen hat sich in den letzten 20 Jahren eine sehr hohe, sich stetig steigernde Komplexität entwickelt. Gebäude sind vielen dynamischen Prozessen ausgeliefert. Nutzungbedingte, bauphysikalische, bauökologische, bauökonomische und umweltbegründete Einflussfaktoren sind gekonnt über lange Zeiträume in Kenntnis von Vorgeschichten in verschiedenen Ebenen miteinander zu verweben. Die einzelnen Ausführungsschritte sind immer noch kein Hexen- sondern Handwerk, aber der Rote Faden, der Gedanke, der die richtigen Maßnahmen sinnvoll zusammenführt, macht eine unserer wichtigsten Expertisen aus. Er, der „Leitgedanke“ eines jeden Projektes, ist kaum greifbar und nicht handfest. Anfänglich eher fragil, fast flüchtig, erstarkt er im Begreifen der Gesamtzusammenhänge bald zur wichtigsten Führungsgröße eines Projektes und diktiert die Abfolge einzelner Schritte von Planung, Ausführung sowie der begleitenden Aktionen.

Liebe Eigenleister, ein Erstgespräch bei einem Ingenieur oder Architekt wird häufig von beiden(!) Seiten als Aquisition betrachtet und bleibt oft unverbindlich.  Nutzen Sie die jahrzehntelang täglich gesammelten Erfahrungen, die fundierten Aus- und Weiterbildungen, und wenden Sie sich vor etwaigen Maßnahmen an Fachleute! Sie spüren Ihnen den Roten Faden auf und können sicherstellen, das Ihre Investition auch Früchte trägt.

Der Schutz solch großer Werte wie Gebäude liegt in Ihrem Interesse. Ich und ich bin mir sicher, nicht wenige Kolleginnen und Kollegen sind es leid, den durch Baumängel und Bauschäden gebeutelten Bauherren und Eigentümern desaströse Aussichten zur Substanz ihrer Bauwerke und Solvenz ihrerselbst zu skizzieren.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, mein emotionales Plädoyer ist keine Werbung im wirtschaftlichen Sinn und auch kein Selbstzweck, denn Sanierungen und Mangelbeseitigungen ernähren die Baubranche und uns wahrlich gut. Es ist nur so: klug geplante, mit Augenmaß und Fachlichkeit durchgeführte Bauvorhaben haben einfach mehr Charme. Sie bereichern den Alltag und unser aller Umwelt.

 

(*)Nur am Rande sei bemerkt, das Bausachverständiger kein geschützter Begriff ist. Bausachverständig nennen kann sich somit quasi „wer will“, vorausgesetzt, er hat zu mindest Bauberufspraxis. Das ist in Deutschland zum Leidwesen der Fachleute mit Sachverstand leider noch so.